Geschichte

Geschichte Bessarabiens

Mit diesem Kapitel möchte ich die Geschichte eines Landes, Landstriches darstellen, die hier im Westen nicht so bekannt ist. In Europa seit dem Altertum waren die Staaten und die Mächtigen im Herzen Europas bekannter und wichtiger als die am östlichen Rand des Kontinentes. Oder ist vielleicht jemandem bekannt, dass Stefan cel Mare bei den großen europäischen Herrscherhäusern um Hilfe bat, als er gegen die Türken kämpfte und diese ihm widersagt wurde. Selbst der Vatikan hatte nur große Dankesworte für ihn, aber keine Unterstützung im Kampf gegen den Islam.

In verschiedenen Unterthemen möchte ich die Geschichte des Landes am Pruth und in den Karpaten dir ein wenig näher bringen. Ich denke, das wird ein spannendes Kapitel in der Darstellung des Landes. Doch zuerst einmal gebe ich hier einen Überblick über die Geschichte dieser Region.

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Frühzeit und Mittelalter

Das älteste historisch bezeugte Volk auf bessarabischem Gebiet waren die Skythen, die als nomadisierende Reiterkrieger im 6. Jahrhundert v. Chr. aus östlichen Steppengebieten einwanderten. Noch in vorchristlicher Zeit gründeten Griechen (s.a. antike griechische Stadt Tyras) und Phönizier Kolonien an der Schwarzmeerküste. Ab dem 1. Jahrhundert v. Chr. war Bessarabien Teil des Reiches Dacia. Im 1. Jahrhundert eroberte das Römische Reich Teile des Landes. Ihm wird die Sicherung des Landes durch den Trajanwall zugeschrieben. In der Völkerwanderungszeit zwischen dem 3.-11. Jahrhundert war Bessarabien Durchzugsgebiet von Wandervölkern, darunter Goten, Hunnen, Awaren, Madjaren. Im 13. Jahrhundert ließen sich Tartaren der Goldenen Horde am nördlichen Schwarzmeer nieder. Im Einflussbereich des Osmanischen Reichs (dem Vorläuferstaat der Türkei), war Bessarabien größtenteils zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert.

Im Mittelalter waren verschiedene walachische und moldauische Knjas (Fürsten), darunter Neagoe Basarab (1512-21), Negru Vodä Basarab und Ladislas Basarab, recht einflussreich. Sie beherrschten im 13. und 14. Jahrhundert rund 150 Jahre lang das Gebiet. Kontakte unterhielten sie mit der Kiewer Rus, mit Ungarn und Polen.

Osmanische Zeit

Nachdem die Osmanen das von Fürst Stephan dem Großen erbaute Kastell in Akkerman, heute Bilhorod-Dnistrowskyj (s.a. Oblast Odessa) (1484/85) erobert hatten, begann die osmanische Zeit. Etwa ab 1511 war ganz Südbessarabien von Sultan Bayezid II. erobert und wurde mit tatarischen Hirten der Nogaier-Horde bevölkert. Sie nannten den Südteil des Landes Budschak, (rum. Bugeac), was Winkel bedeutet und für die dreieckige Form des Landstücks zwischen Pruth, Dnister und Schwarzem Meer steht.

Das Fürstentum Moldau (rumän.: Moldova), zu dem das spätere Bessarabien gehörte, war vom 14./15. Jahrhundert an bis 1859 ein tributpflichtiger Vasallenstaat des Osmanischen Reichs. Getreidelieferungen nach Konstantinopel sicherten die innere und äußere Souveränität. Dafür baute der Sultan keine Moscheen in dem Donaufürstentum und gewährte ihm Schutz vor äußerer Bedrohung, wie dem russischen und habsburgischen Expansionsdrang im 18. und 19.Jahrhundert. (siehe auch: Geschichte Rumäniens)

Russische Expansion 1812

Konsequenz des russischen Expansionsdrangs in Richtung Konstantinopel war der 1806 begonnene 6. russische Türkenkrieg. Während des Krieges siedelten um 1810 russische Truppen Teile der im Budschak nomadisierenden Turkvölker auf die Krim um. 1812 drängte der russische Zar Alexander I. zum Friedensschluss, um sich auf den bevorstehenden Krieg mit Napoleon zu konzentrieren. Im Frieden von Bukarest bekam Russland die östliche Hälfte des Fürstentum Moldau zugesprochen, die westliche blieb weiterhin im Einflussbereich des Osmanischen Reichs. Die Grenze zwischen dem Osmanischen Reich und Russland verlief ab 1812 nicht mehr am Dnister, sondern 200 km weiter westlich am Pruth. Im zugesprochenen Gebiet errichtete Russland das Gouvernement Bessarabien, das kleinste des Zarenreichs. Hauptstadt wurde das mittelbessarabische Kischinew (Chiºinãu).

Als Russland 1812 Land zwischen den Flüssen Pruth und Nistru mit einer Fläche von etwa 45.000 qkm übernahm, dehnte es den ursprünglich nur für den Südteil geltenden Begriff Bessarabien auf das gesamte Gebiet aus. Das Zarenreich wollte eine neue bessarabische Identität stiften, um die eigenen Machtansprüche auf die darin lebenden Rumänen historisch abzusichern. Russland gelangte in den Besitz von 5 Festungen, 17 Städten, 685 Dörfern und 482.000 Menschen. Nach der ersten russischen Volkszählung bestand die Bevölkerung aus:

  • 80.000 rumänischen Familien
  • 6.000 ruthenischen Familien (Ukrainer)
  • 4.000 jüdischen Familien
  • 1.200 lipowanischen Familien (Lipowaner: orthodox-russische Sekte)

Die russischen Machthaber gewährten anfangs Autonomie und griffen nicht in das innere Gesellschaftsgefüge ein, erhöhten aber später den Russifizierungsdruck durch Einführung von russisch als Amtssprache. Das Land war hauptsächlich in der Hand von Großgrundbesitzern, den Bojaren. Der Großteil der Bevölkerung waren kleine Bauern, die für den Eigenbedarf produzierten. Viele flüchteten nach der Eroberung Besarabiens nach Westen aus Angst vor der kommenden Einführung der russischen Leibeigenschaft, die zu diesem Zeitpunkt nur noch bei Zigeunern praktiziert wurde.

Kolonisierung

Nach der russischen Vertreibung und Umsiedlung der Tataren um 1810 aus dem südlichen Landesteil, dem Budschak, setzte ab 1812 die russische Kolonisation mit systematischer Besiedlung ein. Die russische Krone warb in Russland, aber vor allem mittels Werber im Ausland, gezielt Kolonisten mit zugesicherten Privilegien an, wie:

  • Landschenkung
  • zinsloser Kredit
  • Steuerfreiheit auf 10 Jahre
  • Selbstverwaltung
  • Religionsfreiheit
  • Freiheit vom Militärdienst

Ab 1814 wanderten insgesamt etwa 9000 deutsche Auswanderer ein, die später die Volksgruppe der Bessarabiendeutschen bildeten. Sie gründeten insgesamt 150 deutsche Siedlungen, hauptsächlich im Steppengebiet des Budschak. (...) Die russische Krone siedelte unter ähnlichen Bedingungen neben Russen auch weitere Nationalitäten, wie Bulgaren, Ukrainer und Schweizer, an. Da in Bessarabien nicht die sonst üblichen Verbote für Juden in der Landwirtschaft galten, entstanden im Norden 17 Dörfer, wo 1858 mehr als 10.000 Menschen vom Ackerbau lebten und damit im gesamten Russland eine geduldete Ausnahme darstellten.

Neben der Urbarmachung des Landes verfolgte Russland mit der Kolonisierung auch das politische Ziel, die Mehrheit der ursprünglich dort lebenden rumänischen Bevölkerung zu verändern. Einwanderer erhielten Privilegien und das beste Land, was ansässigen Rumänen vorenthalten blieb.

Generalgouverneur von Noworossien und Bessarabien wurde 1823 Michail Semjonowitsch Woronzow. 1844 erhielt er zusätzlich die Verantwortung für den Kaukasus, wo in den Muriden-Kriegen von 1834 bis 1859 gegen Imam Schamil ein Schwerpunkt seiner Aufgaben lag. Er starb 1856.

Gebietsabtretungen

Die russische Niederlage im Krimkrieg 1853-1856 führte zum Pariser Frieden von 1856. Als Folge dessen ging ein Teil des 1812 von Russland gewonnenen südlichen Bessarabiens im Bereich der Donaumündung (etwa ein Viertel der Gesamtfläche) mit den Kreisen Cahul, Bolgrod und Ismail wieder zurück ans Fürstentum Moldau. Sieben europäische Staaten übernahmen die Schutzherrschaft über dieses Gebiet, durch das Russland den strategisch wichtigen Zugang zur Donaumündung verlor. Allerdings wurde dieser Teil Bessarabiens durch den Vertrag von Berlin 1878 (siehe Berliner Kongress), durch den der rumänische Staat entstand, wieder russisch.

Rumänische Zwischenkriegszeit nach 1918

Auch im russischen Gouvernement Bessarabien kündigte sich durch Revolten Anfang des 20. Jahrhunderts ein Sturz des Zarenregimes an. Am 22. August 1905 eröffnete die Polizei das Feuer auf 3000 demonstrierende Landarbeiter in der bessarabischen Hauptstadt Kischinew (Chisinau).

Nach Ausbruch der russischen Revolutionswirren übernahm im November 1917 eine nationale Vollversammlung mit der Bezeichnung Landesrat (Sfatul Tarii) mit Sitz in Kischinew die Regierung. Sie bestand aus 120 Vertretern aus Bessarabien und 10 aus Transnistrien.

Am 2. Dezember 1917 erklärte der Landesrat Bessarabien als Moldauische Demokratische Republik unabhängig. Ähnliches geschah auch in der Ukraine, am Don und auf der Krim. Die Verhältnisse im Lande waren chaotisch, denn die russische Front des Ersten Weltkrieges hatte sich aufgelöst und Armeeeinheiten zogen auf dem Heimatweg plündernd durch Bessarabien. Des Weiteren hatten Bolschewiken am 5. Januar 1918 Kischinew besetzt. Der Landesrat rief Rumänien um militärischen Beistand an und die einmarschierten rumänischen Truppen stellten die Ordnung wieder her.

Am 9. April 1918 (russischer Kalender: 27. März) erklärte Bessarabien bei großer Begeisterung der Bevölkerung, unter Beibehalt einer Teilautonomie, den Anschluss an Rumänien für ewige Zeiten. Im November 1918 wurde die Vereinigung mit Rumänien vollzogen und der Sfatul Tarii löste sich auf.

Die völkerrechtliche Anerkennung Bessarabiens als Teil Rumäniens kam 1920 im Vertrag von Versailles zustande. Das Gebiet wurde Rumänien zugesprochen, weil es im Ersten Weltkrieg auf der Seite der Gegner des Deutschen Reiches stand.

Den Verlust Bessarabiens konnte die nach 1918 entstandene Sowjetunion nie verwinden und Stalin beanspruchte das Land weiterhin. Dazu gründete er am Ostufer des Dnister 1924 die "Moldauische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik" (MASSR).

Anfangs wurde noch die Autonomie Bessarabiens im Rumänischen Staat respektiert, aber mit der Zeit setzte sich die zentralistische und auf Minderheitenrechte verzichtende Politik durch. In der Zwischenkriegszeit von 1918 - 1940 stagnierte die wirtschaftliche Entwicklung. Der Rumänisierungsdruck auf Minderheiten, wie die früheren Auswanderer aus Deutschland, Bulgarien, Russland, verstärkte sich. Bessarabien als abgelegene und rückständige Provinz im Osten Rumäniens wurde Strafversetzungsgebiet für rumänische Beamte. Trotz allem war jetzt erstmals für die Mehrheit der Bevölkerung ihre Muttersprache Amts-- und Schulsprache. Auch konnten durch die Agrarreform von 1920 mit der Enteignung von Großgrundbesitzern (mehr als 100 Hektar) viele Menschen zu eigenem Land gelangen.

Sowjetische Besetzung 1940

Am 28. Juni 1940 besetzte die Rote Armee der Sowjetunion das zu Rumänien gehörende Bessarabien. In einem geheimen Zusatzprotokoll des Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffsvertrages von 1939 (Hitler-Stalin-Pakt) hatte das Deutsche Reich der Sowjetunion Bessarabien als Interessengebiet zugestanden.

Am 2. August 1940 teilte die Sowjetunion Bessarabien und gründete für den größten Teil des Nordens und der Mitte des Landes die Moldauische Sozialistische Sowjetrepublik (MolSSR) und schlug ihr die östlich des Dnister gelegenen Moldauischen Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik (MASSR) zu. Der Süden und das Gebiet im Norden um die Stadt Chotyn (Oblast Czernowitz) ging an die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik (USSR).

Unmittelbar nach der Okkupation kollektivierte die Sowjetunion die Landwirtschaft, löste Großgrundbesitz auf, verteilte Land an landlose Bauern und gründete Sowchosen sowie Kolchosen. Gleichzeitig setzte eine Welle der Repression mit Verhaftungen gegen die Bevölkerung, Deportationen von etwa 25.000 Personen und einer Ansiedlung von Russen, Ukrainern und Weißrussen ein. Diese Politik richtete sich gegen die vermeintlich politische Opposition, wie Gutsbesitzer, Kulaken (Großbauern), Großkaufleute, Parteimitglieder, frühere Weißgardisten. Von der Verfolgung waren nur die Bessarbiendeutschen ausgenommen, die unter dem Schutz des Deutschen Reiches standen und bis November 1940 ausgesiedelt wurden.

Zweiter Weltkrieg und Nachkriegszeit

Am 22.Juni 1941 begann der deutsche Überfall auf die Sowjetunion als das Unternehmen Barbarossa, dem sich auch rumänische Truppen anschlossen. Beim kriegsbedingten Rückzug hinterließen die Sowjets in Bessarabien verbrannte Erde und transportierten alle beweglichen Güter per Bahn nach Russland. Ende Juli 1941 stand das Land nach einjähriger sowjetischer Besatzungszeit wieder unter rumänischer Verwaltung.

Bereits während der militärischen Rückeroberung begingen rumänische Soldaten unter Beteiligung der Bevölkerung Pogrome gegen bessarabische Juden mit tausenden von Toten. Der Hass beruhte wohl teilweise darauf, dass man den Juden ein Paktieren mit den Sowjets vorwarf, die sie 1940 wegen Hitlers antisemitischer Vernichtungspolitik als Befreier sahen. Einzelne Juden waren zuvor tatsächlich als Politkommissare gegen antisowjetische Elemente in der Bevölkerung vorgegangen. Gleichzeitig gab es Tötungsaktionen der berüchtigten SS- Einsatzgruppen (hier die Einsatzgruppe D) an Juden unter dem Vorwand, sie seien Spione, Saboteure, Kommunisten. Die politische Lösung der Judenfrage war vom rumänischen Diktator Marschall Ion Antonescu jedoch eher durch Vertreibung als durch Vernichtung gewollt. Die jüdische Bevölkerung (ca. 200.000 Personen) kam zunächst in Ghettos oder Auffanglager, um sie 1941/42 bei Todesmärschen in das rumänisch okkupierte Transnistria zu deportieren.

Nach dreijähriger Friedenszeit in Bessarabien war 1944 die deutsch-sowjetische Front bis an die östliche Landesgrenze am Dnister wieder herangekommen. Am 20. August 1944 begann die Rote Armee mit etwa 900.000 Soldaten eine groß angelegte Sommeroffensive unter der Bezeichnung Operation Iasi - Kischinew. In einer Zangenoperation überrannten die Angreifer Bessarabien in fünf Tagen. In Kesselschlachten bei Kischinew und Sarata wurde die nach der Schlacht von Stalingrad neu gebildete 6. deutsche Armee mit ca. 650.000 Soldaten aufgerieben. Zeitgleich mit dem erfolgreichen russischen Vorstoß kündigte Rumänien das Waffenbündnis mit Hitler und wechselte die Fronten. Am 23. August 1944 wurde Marschall Ion Antonescu abgesetzt und König Michael I. wieder eingesetzt.

Nach dem sowjetischen Sieg wurde die Aufteilung Bessarabiens von 1940 wieder in Kraft gesetzt und blieb so bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion 1991. Die Moldauische SSR zerfiel dann in die Republik Moldau und die östlich des Flusses Dnister gelegene, völkerrechtlich nicht anerkannte, Transnistrische Moldauische Republik, deren Territorium jedoch nie zu Bessarabien gehörte.

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